Die Ur- und Frühgeschichtliche Bedeutung der Bilsteinhöhlen

Inhalt:

1. Die Kulturhöhlen im Bilsteinfelsen
2. Die Steinzeit
3. Die Bronzezeit
4. Die vorrömische Eisenzeit

1. Die Kulturhöhlen im Bilsteinfelsen

Franz KerstingDie Bilstein-Tropfsteinhöhle wurde 1887 vom Warsteiner Waldarbeiter Franz Kersting (auf der Abbildung links) bei Wegebauarbeiten entdeckt. Die Leitung der Erschließungs- und Ausgrabungsarbeiten übernahm der zufällig in der Nähe weilende Geologe Emil Carthaus. Durch die Tropfsteinhöhle wurde ein passierbarer Weg angelegt, wobei große Mengen an Sediment entfernt wurden. Dabei wurden im nördlichen Teil der Tropfsteinhöhle zahlreiche paläontologische Funde geborgen.
Besonderes Interesse des Geologen fanden jedoch die schon immer bekannten Höhlen im Bilsteinfelsen. Drei dieser Höhlen wurden von E. Carthaus ausgegraben. Dabei verfolgte er zwei Ziele. Einmal war es das wissenschaftliche Interesse - die Entdeckung des ´Neandertalers´ lag erst wenige Jahre zurück! - zum anderen hoffte E. Carthaus, eine Verbindung zwischen der Tropfsteinhöhle und einer der altbekannten Höhlen im Bilsteinfelsen aufzugraben. Damit wäre schon früh ein langer und bequemer Weg für die Höhlenbesucher erschlossen worden. Dieser Versuch scheiterte jedoch. Erst 1933 wurde dieses Ziel durch die Anlage eines ca. 12 m langen Verbindungstunnels zwischen der ´Kulturhöhle 3´ und der Tropfsteinhöhle erreicht.
Auch aus den drei Höhlen im Bilsteinfelsen - von E. Carthaus als ´Kulturhöhle I, II und III´ bezeichnet - wurden große Mengen an Sediment entfernt. Hier wurde von anfang an mit wissenschaftlichem Anspruch ausgegraben, durchaus auf der methodischen Höhe der Zeit. So gelang es E. Carthaus, eine große Menge an archäologischen und paläontologischen Funden der verschiedensten Epochen zu bergen.


2. Die Steinzeit

In allen drei ´Kulturhöhlen´ fanden sich Knochen von Tieren, die die Vielfalt der eiszeitlichen Tierwelt der Weichsel-Kaltzeit (vor über 10.000 Jahren also) repräsentieren: Höhlenbär, Höhlenlöwe, Wolf, Wollnashorn und vor allem Rentier. Diese Funde wurden teilweise durch fließendes Wasser in die Höhle eingeschwemmt, teilweise gelangten sie aber auch als Jagdbeute entweder der Raubtiere oder auch der menschlichen Höhlenbewohner in die Höhle hinein.
Sichere Hinweise auf die Anwesenheit des Menschen fanden sich nur in der ´Kulturhöhle I´. Diese war vor ca. 10.000 Jahren Rastplatz einer Jägergruppe, die dem End-Paläolithikum, also der letzten Epoche der Altsteinzeit, zugeordnet werden kann. Diese ersten menschlichen Höhlenbesucher hinterließen Werkzeuge aus Stein und Knochen, sowie verschiedene Reste ihrer Mahlzeiten.
Wie in fast allen Höhlen des Sauerlandes gibt es aus den anschließenden Epochen der Mittelsteinzeit keine Hinweise auf die Anwesenheit des Menschen. Die günstigeren klimatischen Bedingungen ließen den Menschen auf die wenig angenehmen Höhlen als Lagerplätze verzichten. Statt dessen wurden Freilandlagerplätze bevorzugt. Möglicherweise liegt ein solcher ca. 2 km von der Bilsteinhöhle entfernt auf dem Krassenberg, direkt östlich von Hirschberg vor. Dort fanden sich in den letzten Jahren verschiedene Feuersteinartefakte, die möglicherweise in die Mittelsteinzeit gehören.

Die Altsteinzeit
Ritzzeichnungen, eiszeitliche Tierwelt
Steinzeitliche Werkzeuge
Ritzzeichnungen der eiszeitlichen Tierwelt aus einer französischen Höhle, etwa 12.000 Jahre alt End-altsteinzeitliche Werkzeuge aus der Kulturhöhle I


3. Die Bronzezeit

Spuren menschlicher Anwesenheit finden sich in der Bilstein-Kulkturhöhle I erst mit dem Einsetzen der Metallzeiten - auch das ein Phänomen, das in vielen Höhlen im Sauerland gleichermaßen zu beobachten ist. Der älteste Fund dieser Epochen kann der sogenannten Glockenbecherzeit (ca. 2500 - 2200 v. Chr.) zugeordnet werden. Es handelt sich dabei um einen kleinen kupfernen Dolch, der ganz typisch für diese Kultur ist. E. Carthaus hatte sich bei der Einschätzung dieses Fundes gründlich verschätzt, als er annahm, es handle sich dabei um eine Pfeilspitze aus dem frühen Mittelalter.
Auf eine Begehung der Höhle am Ende der Bronzezeit weist ein Tongefäß hin, daß der Urnenfelderzeit (um 800 v. Chr.) zuzurechnen ist. Diese Epoche der Urgeschichte ist im Sauerland äußerst dürftig belegt. Die bekannte Bronzeamphore von Gevelinghausen - von Prof. A. Jockenhövel als das schönste Bronzegefäß Deutschlands bezeichnet - ist zwar etwa um die gleiche Zeit hergestellt worden, jedoch sicher nicht im Sauerland. Dieses prächtige Gefäß wurde als Urne für eine Brandbestattung benutzt, wobei die C-14-Datierung des Leichenbrandes und der Holzkohle ein fast 200 Jahre jüngeres Datum erbrachte. Ein derart wertvolles Bronzegefäß kann durchaus 200 Jahre im Gebrauch gewesen sein, was für ein kleines, schmuckloses Tongefäß nicht denkbar ist. Das Zylinderhalsgefäß aus der Bilsteinhöhle stellt also den einzigen Beleg für die Anwesenheit des Menschen zur Urnenfelderzeit im nördlichen Sauerland dar.

Die Metallzeiten in den Bilsteinhöhlen
Kupferner Dolch, Glockenbecherzeit
Zylinderhalsgefaess, Urnenfelderzeit
Griffzungendolch der sogenannten Glockenbecherzeit (ca. 2500 - 2200 v. Chr.) Zylinderhalsgefäß der Urnenfelderzeit (= späte Bronzezeit, ca. 800 v.Chr.)

 

4. Die vorrömische Eisenzeit

Wie in vielen anderen Höhlen des Sauerlandes finden sich aus den sich anschließenden Perioden der vorrömischen Eisenzeit Funde in außergewöhnlich hoher Zahl in der Kulturhöhle I am Bilsteinfelsen. Das Fundinventar ist typisch für eisenzeitliche Höhlenfunde: Schmuckstücke, Spinnwirtel, Bruchstücke von Keramik, Skelettreste von Mensch und Tier.
Ein Problem hatten die Wissenschaftler bei der Deutung dieser Funde. Die erreichte Höhe der eisenzeitlichen Kultur ließ sich nur schwer vereinbaren mit der Vorstellung, daß nun die Höhlen wieder regelmäßig bewohnt gewesen sein sollten. So kam in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die These auf, die Höhlen seien Kultplätze der eisenzeitlichen Menschen gewesen, in denen kultische Feiern abgehalten worden seien, mit Opfern, Kultmahlzeiten, Menschenopfern und Kannibalismus. Diese phantasievollen Deutungen werden nun in den letzten Jahren verstärkt angefragt. (Ausführliches dazu hier) Gründliche Untersuchungen der Funde aus anderen Höhlen, ethnologische Vergleiche und eine kritische Betrachtung der alten Grabungsberichte zeigen endlich eine wissenschaftlich haltbare Deutung der eisenzeitlichen Funde und Befunde auf: Die Höhlen dienten als Orte für sogenannte Sekundärbestattungen, für Zweit-Bestattung von Knochen also, die an anderer Stelle erst-bestattet worden waren, nach einer gewissen Zeit dann in die Höhlen und Schächte umgebettet wurden. Aus der Kulturhöhle I und der Bilstein-Schachthöhle - die E. Carthaus völlig falsch interpretiert hatte - liegen Funde und Befunde vor, die mit großer Wahrscheinlichkeit als Reste von Sekundärbestattungen gedeutet werden können.

Die vorrömische Eisenzeit in den Bilsteinhöhlen
Bernstein-Ohrring
Schaedel
Bernsteinohrring aus der Kulturhöhle I Schädel aus der Kulturhöhle I, wohl aus der vorrömischen Eisenzeit

Zusammenfassend kann also gesagt werden: In den Bilsteinhöhlen liegt ein außerordentlich breites Spektrum an Funden aus weit auseinanderliegenden Epochen der Ur- und Frühgeschichte vor, angefangen von der Altsteinzeit, über die Kupferzeit (Glockenbecherzeit), die Bronzezeit (Urnenfelderzeit), bis in die vorrömische Eisenzeit.

Stefan Enste, Dezember 2000

Homepage der Bilsteinhoehle, Warstein Ur- und fruehgeschichtliche Bedeutung der Bilsteinhoehlen Allgemeine Urgeschichte im Bilsteintal Kannibalen in Westfalen? Funde aus den Bilsteinhoehlen