Tourismusgeschichte im
Bilsteintal ![]()
´Touristische Vorgeschichte´
Der
nebenstehende Kartenausschnitt entstammt dem sog. ´Urmeßtischblatt´,
also der ersten topographischen Karte im Maßstab 1:25.000. Das Blatt "Hirschberg",
aus dem dieser Ausschnitt stammt, wurde im Jahr 1839 aufgenommen. Das ist zwar
nicht die erste Karte, auf der diese Gegend abgebildet wurde, jedoch liegt hier
erstmals eine exakte topographische Aufnahme vor.
Deutlich ist das Bilsteintal mit dem Bilsteinbach und dem Bilsteinfelsen zu
erkennen; ebenfalls - nördlich davon - der Felsen, um den die Straße
von Warstein nach Hirschberg,die heutige L 735 eine enge Kurve zieht.
Bilsteinbach und Bilsteinfelsen sind hier stets als "Bildstein-" wiedergegeben.
Ähnliche Beobachtungen lassen sich bei diesen frühen Kartenaufnahmen
immer wieder machen. Die Kartographen, fast immer von auswärts, hatten
Probleme mit den häufig mundartlich gefärbten Flurnamen. Sie ´übersetzten´
diese Namen deshalb in Namensformen, die ihnen plausibel erschienen. Der Flurname
´Bilstein´ ist jedoch schon 1442 in einer Mescheder Urkunde als
´Bylstene´ bezeugt. Diese alte Form zeigt, daß der ´Bilstein´
keinesfalls ein ´Bildstein´ ist. (Ausfürliche Informationen
zum Namen ´Bilstein´ auf diesen Internet-Seiten unter <Namenkundliches>!).
Das
Bilsteintal ist in dieser Zeit nicht mit Wald bestanden. Lange vor der Entdeckung
der Tropfsteinhöhle wurden die Wiesen im Bilsteintal, direkt unterhalb
des Bilsteinfelsens, als städtische Hudeflächen genutzt. Noch auf
diesem Photo ist eine Herde Kühe im Bereich des heutigen Wildparks zu sehen.
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1887 - Entedeckung der Bilsteinhöhle
Im Herbst des Jahres 1887 wurde die Bilstein-Tropfsteinhöhle durch den Warsteiner Waldarbeiter Franz Kersting entdeckt. Der kurz zuvor gegründete ´Verschönerungsverein´ hatte sich entschlossen, rund um den Bilsteinfelsen Spazierwege anlegen zu lassen. Mit dem ´Verschönerungsverein´ beginnt die Geschichte des Tourismus in Warstein. Doch sollen - Bilder fehlen aus dieser frühen Zeit - Zeitgenossen der Entdeckung zu Wort kommen:
"Es war Anfangs Herbst vorigen Jahres als der kurz vorher in´s Leben getretene Verschönerungs-Verein von Warstein am Bilsteins-Berge bequeme Fußwege anlegen ließ; denn dieser Bergrücken war wegen seiner landschaftlichen Schönheit schon seit lange das Ziel zahlreicher Vergnügungs-Touren. Es wurden nur wenige Arbeiter zu diesen Anlagen verwendet, unter ihnen der Waldarbeiter Franz Kersting aus Warstein, ein entschieden intelligenter und gewandter Mensch, zur Zeit als erster Fremdenführer in der Höhle fungierend. Während eines Tages sich seine Genossen einer kurzen Mittagsruhe hingaben, untersuchte er den Berg, welcher von jeher für die Bewohner der Umgegend etwas Geheimnißvolles in sich einschloß, eingehender und gelangte durch einen engen Spalt, wenig weiter als der Eingang eines Fuchsbaues, in die Tropfsteinhöhle hinein. Furchtlos wagte er sich, nur versehen mit einer mangelhaften Bergmannslampe, in die Höhle, soweit er nur gelangen konnte, und wurde so der Entdecker der Tropfstein-Höhle."
Carthaus, Emil: Führer durch die Bilsteins-Höhlen. Warstein: 1888
Sofort nach der Entdeckung der Bilsteinhöhle erkannte man in Warstein die touristischen Möglichkeiten, die sich aus dem Betrieb einer Schauhöhle ergeben konnten. 1868 war bei Eisenbahnarbeiten die Dechenhöhle entdeckt worden, die sich zu einer überregionalen Attraktion mit mehr als 10.000 Besuchern pro Jahr entwickelt hatte. So kann es nicht verwundern, daß schon im "Bericht über die Herbstversammlung am 1. und 2. Oktober 1887" des naturhistorischen Vereins der preussischen Rheinlande, Westfalens und des Reg.-Bezirkes Osnabrück die touristischen Bemühungen der Stadt Warstein deutlich werden - nur wenige Tage nach der Entdeckung der Höhle!
"Es sind stets zwei Wächter vorhanden, und der Eingang der Höhle ist fest verschließbar. Man ist zur Zeit eifrig damit beschäftigt, bequeme Auf- und Abstiege, auch Überbrückungen zur Sicherheit der Besucher herzustellen, sowie weitere Aufschlüsse in der Nähe zu erzielen. Bis zur Fertigstellung jener Vorsichtsmassregeln ist der Besuch der Höhle Damen untersagt. Zur Zeit wird die Höhle täglich bereits von 40-50 Personen besucht, und ist es unzweifelhaft, dass diese sehr interessante Entdeckung noch Tausende von Naturfreunden anziehen und mit Bewunderung erfüllen wird. Namentlich übt diese Höhle in ihrem jetzigen natürlichen Zustande einen überwältigenden Eindruck auf jeden Besucher aus. Ueber die Benennung der Höhle ist man noch nicht einig. Während die einen dieselbe Warsteiner Höhle nennen wollen, wünschen andere die Bezeichnung Bilsteinerhöhle nach dem Namen des Berges, welcher als beliebter Ausflugsort ziemlich weit bekannt ist."
Fabricius/Pöppinghaus
Mit den Arbeiten zur Erschließung der Bilsteinhöhlen wurde der zufällig in der Nähe weilenden Geologen Dr. Emil Carthaus betraut. Er nutzte die Gelegenheit, nicht nur die Tropfsteinhöhle zu erschließen, sondern auch die verschiedenen anderen Höhlen rund um den Bilsteinfelsen genauer zu untersuchen und auszugraben. Alle Beteiligten gingen damals mit großem Elan an die gemeinsame Sache, wie Prof. Hosius auf der Versammlung des naturhistorischen Vereins von 1889 berichtet:
"Den Gang der Arbeiten leitete, ganz den Forderungen der Wissenschaft entsprechend, Herr Dr. Carthaus, welcher in höchst uneigennütziger Weise persönlich bis zu seiner zum Zwecke geognostischer Untersuchungen im Frühjahr 1888 erfolgten Abreise nach Sumatra die Arbeiten überwachte und die Funde sicherte; die Reinigung und Ordnung der letztern besorgte mit derselben Aufopferung Herr Lehrer Kropp in Warstein. Für die zur vollständigen Ausgrabung der Höhle nöthigen Geldmittel sorgte einerseits der Verschönerungsverein und der Geh. Commerzienrath Herr Bergenthal zu Warstein, andererseits der Provinzial-Ausschuss der Provinz Westfalen, die deutsche Anthropol. Gesellschaft und die Westfälische Gruppe der deutschen Anthropolog. Gesellschaft, während die Stadt Warstein die Ausführung der nothwendigen Wegearbeiten und Gebäude, die Anlage der Beleuchtung - durch Wassergas - und ähnliche Ausgaben übernahm, soweit die Kosten nicht durch das bei Besichtigung der Höhlen erhobene Eintrittsgeld gedeckt werden."
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Der Aufbau der touristischen Infrastruktur
In
den Jahren nach der Entdeckung der Tropfsteinhöhlen wurde die touristische
Infrastruktur im Bereich der Bilsteinhöhle geschaffen. Zuerst mußte
die Beleuchtung der Höhle ermöglicht werden. Dafür wurde am Höhlenausgang
eine kleine Gasfabrik erbaut, die aus Steinkohle und Wasser Leuchtgas erzeugte.
Am Eingang des Bilsteintals errichtete man das Höhlenrestaurant, am Platz
des heutigen Waldhotels. In der etwas weiteren Umgebung bot der Aussichtsturm
auf dem Kahlenberg ein lohnendes Ziel.
Diese Einrichtungen sind auf der nebenstehend abgebildeten Karte von 1896 nur
schwer zu erkennen. Durch Anklicken wird eine neue Seite geöffnet, die
diese Karte mit einer etwas besseren Auflösung bietet.

Das Gebäude des Restaurants beherbergte nicht nur eine Gaststätte. Hier waren auch die Funde der Ausgrabungsarbeiten in den Bilsteinhöhlen ausgestellt. Über diese Sammlung informierte ein ausführlicher Katalog.

Schon früh gab es auch ´Gedrucktes´ über die Bilsteinhöhlen. Der erste ausführliche Höhlenführer, von Emil Carthaus verfaßt, erschien bereits 1889, wenig später der ´Katalog der Höhlenfunde´. Daneben gab es aber auch schon damals Bildpostkarten wie diese, die um die Jahrhundertwende gedruckt worden ist.
Schon
vor dem 1. Weltkrieg gab es einen bedeutenden technischen Fortschritt in der
Bilsteinhöhle: Die Gasbeleuchtung wurde durch elektrisches Licht ersetzt.
In dieser Anzeige von 1925 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß
die "hervorragende Sehenswürdigkeit" ganz modern "elektrisch
beleuchtet" ist.
Ein besonders wichtiger Eingriff war 1933 die Anlage eines 12 m langen, künstlichen
Verbindungstunnels zwischen der Kulturhöhle III und der eigentlichen Tropfsteinhöhle.
Bis dahin stieg man durch einen, heute zugeschütteten, Schacht von oben
in die Tropfsteinhöhle ein. Der Einstieg befand sich nordöstlich des
Bilsteinfelsens.
Der Verbindungstunnel verlängerte den Weg der Höhlenführung um
fast 100 m, ersparte er den Besucherinnen und Besuchern den Abstieg durch den
Eingangsschacht. Außerdem band er die Kulturhöhlen in die Höhlenführungen
ein.
E. Carthaus hatte vergeblich versucht, eine Verbindung zwischen der Tropfsteinhöhle
und den Kulturhöhlen herzustellen. Er hatte gehofft, eine solche Verbindung
durch die Kulturhöhle I erreichen zu können. Diese ist jedoch wesentlich
weiter von den verstürzten südlichen Teilen der Tropfsteinhöhle
entfernt.
Die verstürzten nördlichen Teile der Kulturhöhle III und die
verstürzten südlichen Teile der Tropfsteinhöhle überschneiden
sich dagegen, nur durch wenige Höhenmeter voneinander getrennt. Hier konnte
die eine fast ebenerdige Verbindung ohne übermäßigen Aufwand
geschaffen werden.
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Mit
dem Umstieg auf die elektrische Beleuchtung war nun auch die höhleneigene
kleine Gasfabrik überflüssig. Jedoch entschied man sich damals für
eine sinnvolle Nutzung des Gebäudes: In den 20er Jahren wurde, nach ersten
Umbauten, die Warsteiner Jugendherberge in der ehemaligen Gasfabrik eröffnet.
Das nebenstehende Bild zeigt das Gebäude nach weiteren Umbauten, so wurde
es erweitert und aufgestockt.
Nach knapp 40 Jahren kam das Aus für die kleine Jugendherberge. Aus Gründen
des Feuerschutzes mußte das Haus geschlossen werden.
Es ist Pastor Fritz Enste, einem gebürtigen Warsteiner, zu verdanken, daß
dieses interessante Denkmal des frühen Warsteiner Tourismus bis heute erhalten
geblieben ist. F. Enste pachtete das Haus für seine Jugendarbeit, sorgte
für einen Umbau, der den Anforderungen des Feuerschutzes gerecht wurde.
Gedanken über eine mögliche und sinnvolle Nutzung als Besucherzentrum
und Ausstellungsfläche für den Schauhöhlenbetrieb finden Sie
hier.
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Ein wenig Statistik

Aus der Anfangszeit des Schauhöhlenbetriebs
liegen leider keine Angaben über Besucherzahlen vor. Erst seit den 60er
Jahren gibt es genaue Aufzeichnungen. War der Trend bis in die frühen
90er Jahre grundsätzlich als Aufwärtsbewegung zu kennzeichnen, so
gab es anschließend einen massiven Einbruch, der die heutigen Besucherzahlen
sogar weit unterhalb des Niveaus der frühen 60er Jahre hat ankommen lassen
- Halbierung der Besucherzahlen innerhalb von 9 Jahren!
Ein Ende dieser Abwärtsbewegung ist nicht in Sicht. Gründe für
diese Tendenz lassen sich verschiedene nennen. Einmal gibt es bei den meisten
Schauhöhlen in den 90er Jahren einen Rückgang der Besucherzahlen.
Im Fall der Bilsteinhöhle tritt besonders verschärfend die Schließung
des Waldhotels in der Mitte der 90er Jahre hinzu. Das geschlossene Haus machte
einen abweisenden Eindruck, vermittelte die Botschaft "Hier ist nichts
los, alles geschlossen!". Hilflos mutete Versuch an, dieser Entwicklung
mit einem Großtransparent entgegenzuwirken. Die Statistik zeigt, wie
´wirkungsvoll´ diese Maßnahme war...
Weiterhin muß auch betont werden, daß die Attraktivität des
Angebotes ´Bilsteinhöhle´ insgesamt, vor allem im direkten
Vergleich mit den anderen Schauhöhlen des Sauerlandes drastisch abgenommen
hat. Das Fehlen von Ideen, Konzepten und Begeisterung bei den zuständigen
Stellen wirkt sich überdeutlich aus. In dieser Situation ist das fehlende
Geld nur eine gern genutzte Ausrede der Verantwortlichen. Denn - Geld ist
auch bei den anderen Schauhöhlen nicht vorhanden, dafür aber Ideen,
Idealismus und eine hohe Identifizierung der Verantwortlichen mit dem ihnen
überantworteten Natur- und Kulturdenkmal. Bei keiner anderen Schauhöhle
fällt die Kurve der letzten Jahre derart dramatisch ab.

Ein Blick auf die Besucherzahlen
der sechs Schauhöhlen des Sauerlandes ist interessant. Er zeigt, daß
sich diese Höhlen heute in drei Gruppen teilen lassen. Da ist zuerst
die Attahöhle, gewissermaßen die Oberklasse. Sie hat heute weit
mehr Besucher, als alle anderen Schauhöhlen zusammen. Dechen- und Bilsteinhöhle
bilden die Mittelklasse. Die Dechenhöhle hat dabei in den vergangenen
50 Jahren einen dramatischen Absturz der Besucherzahlen erlebt - der jedoch
relational längst nicht so deutlich war, wie der Absturz der Besucherzahlen
an der Bilsteinhöhle in den vergangenen 10 Jahren. Dem Rückgang
der Besucherzahlen versucht man hier z. B. mit der verstärkten Durchführung
von Sonderführungen und Sonderaktionen zu begegnen - auch ein professioneller
Internet-Auftritt der Höhlenbetreiber gehört dazu, was der Bilsteinhöhle
noch immer fehlt.
Zur ´Unterklasse´ können die verbleibenden drei Höhlen
gerechnet werden, die Klutert-, Heinrichs- und Reckenhöhle. Jedoch bewegt
sich die Bilsteinhöhle zielstrebig in diese Richtung.
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