Was bedeutet der Name
"Bilsteinhöhle"? ![]()
1. Deutung des Namens "Bilsteinhöhle"
Zuerst einmal ist
der Name der Bilsteinhöhle schnell erklärt. Die Höhlen liegen
im Bilsteintal, einige Eingänge finden sich im Bilsteinfelsen, da lag es
durchaus nahe, die Höhle "Bilsteinhöhle" zu nennen. Allerdings
gab es kurz nach der Entdeckung der Tropfsteinhöhle einen durchaus ernst
zu nehmenden Alternativ-Vorschlag, wovon 1887 Fabricius und Pöppinghaus
berichten: "Ueber die Benennung der Höhle ist man noch nicht einig.
Während die einen dieselbe Warsteiner Höhle nennen wollen, wünschen
andere die Bezeichnung Bilsteinerhöhle nach dem Namen des Berges, welcher
als beliebter Ausflugsort ziemlich weit bekannt ist." Hin und wieder findet
sich deshalb auch in der - vor allem älteren - Literatur die Bezeichnung
´Warsteiner Höhle´.
Aber damit ist noch nicht viel erreicht, der Name "Bilsteinhöhle"
ist noch nicht wirklich erklärt. Was steckt hinter der Bezeichnung "Bilstein"?
Ein erster grundlegender Schritt bei jeder Namensdeutung ist die Suche nach
der ältesten überlieferten Form eines Namens. Die erste urkundliche
Überlieferung dieses Flurnamens findet sich 1442 in einer Mescheder Urkunde.
(Anmerkung 1) Dort ist der Name als Bylstene bezeugt.
Das ´y´ braucht nicht zu verwundern, lautlich entspricht es dem
´i´, nicht dem ´ü´.
Der Flurname ist zu zerlegen in das Bestimmungswort Bil- und das Grundwort -sten.
Dabei macht das Grundwort keinerlei Schwierigkeiten. Altsächsisch und Mittelniederdeutsch
sten ist ´Stein´. Schon in der Altsächsischen
Bibeldichtung des Heliand, entstanden im 9. Jahrhundert, finden sich Belege
für dieses Wort: ef thu giuuald habes allaro barno bezt, brod af thesus
stenun? übersetzt: ´[Warum läßt du nicht,] wenn du Gewalt
hast, aller Menschenkinder bestes, Brot aus diesen Steinen [werden]?´.
(Anmerkung 2) ´Stein´ als Bezeichnung
eines recht ansehnlichen Felsens liegt auf der Hand und macht keinerlei Schwierigkeiten.
Wie sieht es aber nun mit dem Bestimmungswort Bil- aus? In den 50er Jahren gaben
drei Heimatforscher aus Warstein und Umgebung eine "Deutung Warsteiner
Flurnamen" heraus, in der sie sich auch zum Flurnamen "Bilstein"
äußerten. Offensichtlich waren sich die Autoren nicht einig, denn
sie lieferten gleich zwei Möglichkeiten: "bil-bühl = steiler
Berg; Funde von Steinbeilen d. Vorzeit". Die Steinbeile gehören ins
Reich der Legende. Vom Bilsteinfelsen sind keine Steinbeile bekannt geworden,
sie sind dort auch gar nicht zu erwarten. Interessanter ist da schon der Verweis
auf "bühl = steiler Berg". Denn immerhin kann für das Altsächsische
ein *buhil rekonstruiert werden, haben wir mittelniederdeutsch bul und althochdeutsch
buhil, die allesamt ´Hügel´ bedeuten. Das hinterläßt
schon eine gewisse semantische Schwierigkeit. Warum sollte ein Wort für
´Hügel´ einen steil abfallenden Felsen bezeichnen, ist ein
Flurname mit der Bedeutung ´Hügelfelsen´ denkbar? Weiter ist
selbstverständlich die sprachliche ´Klippe´ zu beachten. Es
führt sprachlich kein Weg vom ´Bühl´ zum ´Bil-´.
Auch der ´Bühl´ führt ganz offensichtlich in die falsche
Richtung (obwohl er gleich noch einmal auftauchen wird).
Eine andere Richtung findet sich immer wieder als ´Volksetymologie´
aber auch auf der ersten exakten topographischen Karte unserer Gegend, dem sogenannten
´Urmeßtischblatt´ von 1839. Dort ist als Bezeichnung des Felsens
"Bildstein" angegeben. Nun lautet zwar die älteste bekannte Form
"Bylstene", aber es wäre ja denkbar, daß lange vor der
ersten Erwähnung das ´d´ ausgefallen ist. Schnell gesprochen
fällt der Unterschied zwischen ´Bilstein´ und ´Bildstein´
lautlich kaum auf. Selbst in der Dissertation von W. Bleicher finden sich Anklänge
an diese Deutung (da er offensichtlich den von ihm hier angeführten Aufsatz
nicht richtig verstanden hat). Hier hilft ein ´Seitenblick´ auf
andere ´Bilsteine´, denn es handelt sich hierbei um einen recht
häufig anzutreffenden Flur- aber auch Siedlungsnamen. Und
so finden sich schon im 12. Jahrhundert sicher bezeugte Namensformen, in denen
eindeutig "Bil-" und nicht etwa "Bild-" steht, so etwa Bielstein
bei Wied, das Ende des 12. Jahrhunderts als "Bilstene" (Anmerkung
3) erscheint, also in der lautlich gleichen Form, wie 1442 vom "Bylstene"
im Bilsteintal geschrieben wird. Bei derart alt bezeugten Formen ist es höchst
unwahrscheinlich, daß sie sich auf eine andere Form zurückführen
lassen, es würde letztlich methodischen Wildwuchs bedeuten.
Nun
gibt es aber ein mittelniederdeutsches Wort, das hier weiterhelfen kann: bîl
´Beil´. Aus diesem und dem althochdeutschen bîhal, bialläßt
sich ein altsächsisches Wort *bîhal rekonstruieren. Auf den allerersten
Blick ergibt diese Erklärung vielleicht keinen Sinn, was soll ein ´Beilstein´
sein? Aber bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Es muß sich um eine Form-Metapher
handeln. P. Derks hat ähnliche Namen zusammengestellt, die den Zusammenhang
verdeutlichen: "Wassenberg an der Ruhr, a. 1118 de Wassenberg, zu ahd.
was ´scharf´. - Der Scharpenberg in Mülheim an der Ruhr, a.
1269 sub Scarpenberge. Scharfenberg bei Brilon, a. 1306: tom Scharpenberge,
achter deme Scharpenberge, van dem Scharpenberge. - Der Scharpenberg zwischen
Ennepetal und Schwelm, a. 1486 Scharpenberch, zu as. skarp, mnd. scharp ´scharf´."
(Anmerkung 4)
Für den Bilsteinfelsen an den Bilsteinhöhlen ergeben sich verschiedene
denkbare semanische Anschlußmöglichkeiten. Einmal handelt es sich
um einen schroffen Felsen. Vor allem der kleinere der beiden Bilsteinfelsen
ist wie ein auf dem Kopf stehendes V geformt, was zweifellos Ähnlichkeit
mit einer Beilklinge hat. Außerdem ist der Zwischenraum zwischen dem großen
und dem kleinen Bilsteinfelsen V-förmig, wie eine mit dem Beil geschlagene
Kerbe. Beides ist auf der nebenstehenden Abbildung sehr gut zu erkennen.
W. Foerste geht noch weiter in die Sprachgeschichte zurück. Dabei findet
er für einen germanischen Wortstamm bil zwei Bedeutungsaspekte; einmal
´rundlich, gewölbt´, dann auch ´spalten, trennen, unterscheiden´.
Auf die letzte Bedeutung geht die oben vorgestellte Erklärung des Namens
"Bilstein" zurück. W. Foerste versucht nun, den gemeinsamen Ursprung
der beiden vorgestallten Bedeutungsaspekte zu finden. Er kommt dabei zu folgendem
Schluß: "In den genannten Parallelen stehn also in etymologisch nah
verwandten Wörtern die Bedeutung ´Klumpen, Bündel´ neben
´Spalt, Gabelung, Keil´, wahrscheinlich einst verbunden durch das
Zwischenglied *´durch Schrumpfen rissig werden´. Wir dürfen
deshalb wohl annehmen, daß auch die Bedeutungen ´spalten, trennen,
unterscheiden´ und ´Ballen, rundliche Erhöhung´, die
wir im germ. bil-/bal- fanden, als zwei Entwicklungsstränge eines einzigen
Wortstammes zu betrachten sind. Als Grundbedeutung der
wohlbekannten indogermanischen Wurzel *bhel- würde man dann allerdings
nicht mit Pokorny "aufblasen, aufschwellen, sprudeln, strotzen" ansetzen,
sondern eher ´sich zusammenziehen, ballen´. (Anmerkung
5)
2. Bilsenkraut und Bilsteinhöhle
Nun wird in einigen
wenig seriösen Veröffentlichungen ein ganz anderer Zusammenhang hergestellt:
Der Name der Bilsteinhöhle hänge direkt mit dem Bilsenkraut zusammen.
Auf der Link-Seite wird auf zwei Artikel dieser Art verwiesen.
Thomas Illmaier schreibt: "Die Pflanzen, die Visionen schenken und den
Geist bewegen, indem sie Kontakt mit den Göttern an heiliger Stelle stiften
und verstärken, waren unseren Vorfahren bekannt: Vor allem das Bilsenkraut
und der Hanf, der als elementarste Pflanze der Ekstase galt. Seine Verwendung
ist aus Grabbeigaben bekannt, bis hin zu den südrussischen Reitervölkern,
die ihn wie die Skythen zu Räucherzwecken in ihren Schwitzhütten verwendeten.
Das Bilsenkraut hat in fast allen indogermanischen Sprachen
den gleichen Namen: Bil bedeutet Kraft, magische Kraft, Wunderkraft, worauf
Namen wie "Bilsteinhöhle" noch anspielen." (Anmerkung
6)
Es
wird nicht wirklich deutlich, welcher Zusammenhang zwischen dem Bilsenkraut
und der Bilsteinhöhle bestehen soll. Fraglich ist auch, ob der Autor den
Zusammenhang auch auf die zahlreichen ´Bilsteinfelsen´ ausdehnen
möchte.
Etymologisch gibt es für das Bilsenkraut verschiedene
Ansätze. 1964 stellt William Foerste den Namen des Bilsenkrautes zu indogermanisch
*bhel, für das er die Bedeutung "sich zusammenziehen, ballen"
ermittelt. (Anmerkung 7) Dabei bezieht Foerste den
Namen des Bilsenkrautes auf die Form der Samenkapseln: "Im Germanischen
werden die länglich-weißlichen Samenkapseln auch mit Beuteln oder
Säckchen verglichen, etwa in den älteren dänischen Bezeichnungen
fandens punge(r) ´Beutel des Teufels´ oder fandens nosse(r) ´Teufels
Hodensack´, in ags. henne-belle mit einer ´Glocke´, doch wird
man angesichts des schwed. dial. hönse-balle (auch zu hönse-bole ´Hühnernest´
entstellt) belle wohl wie das synonyme mnd. bille für eine volksetymologische
Umgestaltung von belnebzw. bilne halten müssen." (Anmerkung
8)
Anders 1978 die Erklärung von H. Beck. Er stellt
den Namen des Bilsenkrautes zu "einer idg. Wurzel *bhel-blaß, weiß".
(Anmerkung 9) Damit würde sich der Name des Bilsenkrautes
auf die Blütenfarbe beziehen.
In der aktuellen Auflage des Kluge/Seebold heißt
es: "Weitere Herkunft und Benennungsmotiv unklar; es kann zu (ig.) *bhel-
´Wulst´ [...] gehören wegen der Samentaschen." (Anmerkung
10) E. Seebold gibt also, bei aller Vorsicht, die bei derart alt überliefertem
Wortgut nötig ist, der Erklärung von W. Foerste den Vorzug.
Ein direkter etymologischer Anschluß des Bilsenkrautes an die Bilsteinhöhle
ist also nicht möglich. Interessant ist, worauf W. Foerste weiter verweist:
"Das mnl. beeldensaet ´Bilsenkörner´ zeigt dagegen Einfluß
von beeld ´Bild´, weil ihr Genuß bekanntlich Halluzinationen,
also ´Bilder´ erzeugt [...]." (Anmerkung
11) Das spricht dafür, daß sprachlich sehr genau unterschieden
worden ist zwischen der Pflanze und den Samen.
Also: Es gibt einen etymologischen Zusammenhang zwischen dem Bilsenkraut und
Namen wie Bilsteinhöhle und Bilsteinfelsen. Dieser hat aber nichts mit
Halluzinationen oder ´magischer Kraft´ zu tun. Statt dessen ist
er rein sprachlicher Natur und geht sprachgeschichtlich in weite Vorzeit zurück.
Etymologische Zusammenhänge dürfen nicht unbesehen herangezogen werden,
um sachliche Zusammenhänge zu behaupten.
Aber Autoren der hier kritisierten Sorte geht es schließlich nicht um
seriöse Wissenschaft. Ein bestehendes Welt- oder Geschichtsbild soll mit
pseudowissenschaftlichem Halbwissen fundamentiert werden. Am Ende kommt immer
nur das heraus, was man vorher schon wußte.
Die Bilsteinhöhlen sind interessant genug. Sie brauchen zur Aufwertung
weder pseudomystische Vergangenheits-Verklärungen noch pseudomodernistischen
Medien-Kitsch.
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3. Anmerkungen
1) Quellen zur Geschichte von Stift und Freiheit Meschede. Bearbeitet von Manfred Wolf. Münster: 1981 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Bd. 37; Westfälische Urkunden, Texte und Regesten, Bd. 3) [zurück]
2) Heliand. V. 1065 f. [zurück]
3) Liste der Güter-Erwerbungen des Erzbischofs Philipp von Heinsberg, gedruckt bei Bauermann, Johannes: Altena. S. 242, 252. [zurück]
4) Derks, P.: Art. Bilstein. Flur in Stadt Ennepetal. Unveröffentlichtes Manuskript. [zurück]
5) Foerste, William: Bild. Ein etymologischer Versuch. Festschrift für Jost Trier zum 70. Geburtstag. Köln: 1964 S. 112 - 145, hier S. 145 [zurück]
6) Illmaier, Thomas: An den Gräbern unserer Ahnen. Der Hanfrausch: Die elementarste Technik der Ekstase. http://www.hanf.org/hanf/archiv/artikel/534. [zurück]
7) Foerste, William: Bild. Ein etymologischer Versuch. Festschrift für Jost Trier zum 70. Geburtstag. Köln: 1964 S. 112 - 145, hier S. 145. [zurück]
8) Foerste, William: Bild. Ein etymologischer Versuch. Festschrift für Jost Trier zum 70. Geburtstag. Köln: 1964 S. 112 - 145, hier S. 142. [zurück]
9) Beck, H.: Art. Bilsenkraut. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band III. Berlin: 1978. [zurück]
10) Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 23. erweiterete Auflage. Berlin: 1995, S. 111. [zurück]
11) Foerste, William: Bild. Ein etymologischer Versuch. Festschrift für Jost Trier zum 70. Geburtstag. Köln: 1964 S. 112 - 145, hier S. 142. [zurück]
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