Zur Deutung nachpaläolithischer Höhlennutzung


1.          Deutungsgeschichte nachpaläolithischer Höhlennutzung

Die Besiedlung vonHöhlen in der Steinzeit ist allgemein bekannt, hat schließlich dazu geführt, daß der steinzeitliche Mensch als Höhlenmensch bekannt wurde, beide geradezu synonym gebraucht werden. Erst nach und nach konnte durch die Verbesserung der archäologischen Methoden dieses Bild zurechtgerückt werden, zeigte sich, daß auch in der Steinzeit der Aufenthalt in Höhlen nur eine mögliche Behausungsform gewesen ist. Die Erhaltungsbedingungen für Funde und Befunde sind in den Höhlen allgemein besser als im Freiland, vor allem aber: Höhlen fallen auf. Eine Freilandsiedlung wird meist nur durch Zufall entdeckt, das Freiland ist groß, siedlungsgünstige Höhlen dagegen kommen nicht in unbegrenzter Zahl vor, sie wurden gezielt auf der Suche nach Fundplätzen untersucht.
Probleme machen jedoch die nachaltsteinzeitlichen Höhlenfunde. Es ist einsichtig, daß für nomadisierende Jägergruppen eine zufällig am Weg liegende Höhle ein sehr einladendes Quartier gewesen ist, konnte man doch auf den aufwendigen Bau von Behausungen verzichten, oder ihn zumindest stark einschränken. Nach der Seßhaftwerdung des Menschen, also seit der Jungsteinzeit, geht diese Deutung jedoch nicht mehr recht auf. Ausgerechnet aus dieser Zeit aber treten nun wieder vermehrt Höhlenfunde auf. Betrachtet man die schon hochentwickelte Hausbau-Technik z.B. der Rössener Kultur (ca. 3000 v.Chr.), fällt es schwer, sich diese Menschen in einer Höhle vorzustellen. Und doch liegen aus dieser Zeit Höhlenfunde vor.
[1]
Diese Frage wird um so drängender, wenn man die nun folgenden Metallzeiten betrachtet. Ob Bronzezeit oder vorrömische Eisenzeit: Auf der einen Seite ein hochentwickelter Siedlungsbau - in der Eisenzeit bis hin zu den stadtähnlichen keltischen Oppida - auf der anderen Seite eine massive Häufung von Höhlenfunden gerade in dieser Zeit: Die Höhlen im Kyffhäuser, im Ith, die Byci skala-Höhle, aber eben auch die zahlreichen Höhlen im Sauerland, die Funde aus der Glockenbecher-, Urnenfelder-, Hallstatt- und Latène-Zeit erbracht haben.
Die Höhlen des Sauerlandes sind meist schon im 19. Jahrhundert ausgegraben worden, in vielen Fällen kann von einer wirklichen Ausgrabung gar nicht gesprochen werden. Der geringe Kenntnisstand dieser Zeit führte dazu, daß von den ersten Ausgräbern das Problem noch gar nicht erkannt werden konnte. Man hatte eben die Hinterlassenschaften von ´Höhlenmenschen´ vor sich, um die Ungleichzeitigkeit der Funde mußte man sich kaum kümmern.
Die ´Entdeckung des Pfostenlochs´ durch Carl Schuchardt um die Jahrhundertwende führte zu einem enormen Fortschritt in der Archäologie. Nun war es möglich geworden, ur- und frühgeschichtliche Siedlungen zu erkennen. Spätestens jetzt mußte man sich dem Widerspruch stellen, der sich aus dem Vergleich gleichzeitiger Höhlen- und Freiland-Siedlungsfunde ergab. Dennoch blieb - zumindest für unsere südwestfälischen Höhlen - die Deutung als Siedlungsplatz noch lange vorherrschend, wie zwei Äußerungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts belegen:

(A. Krebs, 1933) “Zu allen Zeiten [...] sind die Höhlen gelegentlich von Menschen aufgesucht worden. Die Hauptfundmasse zeigt ferner aber, daß eine bäuerliche Bevölkerung [...] das Sauerland besiedelte und daß diese Bevölkerung oder ein Teil von ihr zunächst lange Zeiten hindurch, wenn nicht ständig, so doch wohl regelmäßig einen Teil des Jahres in den Höhlen gewohnt hat. [...] Es scheint indessen, daß die meisten Höhlen schon um den Beginn unserer Zeitrechnung nur noch als Zufluchtstätten gebraucht wurden. Hie und da könnte die Bewohnung ein gewaltsames Ende gefunden haben, in der Regel aber mögen steigende kulturelle Bedürfnisse allmählich zu anderen Wohnweisen geführt haben.” [2]

(Christoph Albrecht, 1938) “Die ältesten Eisenfunde auf westfälischem Boden stammen aus mehreren Höhlen des Sauerlandes, die von der frühen Eisenzeit bis in die Zeit um Chr. Geb. bewohnt waren.” [3]

Noch in den 80´er Jahren wird die Siedlungsbedeutung der Höhlen betont:

(Torsten Capelle, 1982) “Der erneute Anstieg der Niederschläge hat mit Sicherheit dazu geführt, daß sehr viele der in den Kalkgebieten liegenden Höhlen nun wieder mehr oder weniger langfristig als Siedlungsplätze aufgesucht wurden.” [4]

Woher der Autor diese Sicherheit nimmt ist unklar. Gerade das Ansteigen der Niederschläge würde die Höhlen zu höchst ungeeigneten Siedlungsplätzen werden lassen - wie jeder weiß, der nach einigen Regentagen eine Höhle begangen hat.
Neben diese Vorstellung treten dann auch andere Deutungen.
E. Henneböle deutet die Bilsteinhöhle bei Warstein und den Hohlen Stein bei Kallenhardt als Wohnplatz von Metallhandwerkern.
[5] Die vorausgesetzte Gleichzeitigkeit von Eisenschmelzöfen und Höhlenfunden ist allerdings alles andere als gesichert. [6] In dieser Zeit wird auch die Deutung als Zufluchtstätte in Notzeiten weiterhin öfter genannt. Es sind zwei Ausgrabungen außerhalb Westfalens, die in den fünfziger Jahren die Deutung der Höhlennutzung wesentlich beeinflußt haben: Die Ausgrabung der Kyffhäuserhöhlen durch G. Behm-Blancke und die Untersuchung der Jungfernhöhle bei Tiefenellern durch O. Kunkel.
Beide Ausgräber waren überzeugt, frühgeschichtliche Kultstätten ergraben zu haben, an denen den unterirdischen Mächten geopfert wurde. Im Rahmen der kultischen Feierlichkeiten habe es neben Sach- und Tieropfern auch Menschenopfer und Kannibalismus gegeben. Beide Ausgrabungen wirkten prägend auf ganze Generationen von Archäologen, und das, obwohl bis heute keine halbwegs brauchbare Publikation der Kyffhäuser Grabungen vorliegt.
In diesen Jahren wurde im Bereich der westfälischen Höhlen wenig zur Aufarbeitung der metallzeitlichen Funde gearbeitet, man konzentrierte sich - wenn überhaupt - auf die Steinzeit, die bei der räumlich sehr beschränkten Nachgrabung in der Balver Höhle schließlich zu wichtigen Ergebnissen führte. Und doch findet die langsam zum wissenschaftlichen Standard gerinnende Kult- und Opferhöhlen-Theorie ihren Niederschlag:

(Hans Beck, 1975) “Die reichsten Hinterlassenschaften der eisenzeitlichen Bevölkerung fanden sich in den Höhlen, in denen man bestattet, den unterirdischen Mächten opfert und sich in Notzeiten birgt.” [7]

(Torsten Capelle, 1982) “Auch die Karhofhöhle, nur wenige hundert Meter von der Leichenhöhle entfernt ebenfalls im Hönnetal gelegen, muß zeitweilig als Bestattungsplatz gedient haben. Hier wurden sogar Knochenreste mit Brand-, Schlag- und Schnittspuren beobachtet, die vielleicht auf Opferpraktiken hindeuten.” [8]

In der letzten Äußerung ist eine weitere Deutung genannt, die der Autor insgesamt zu bevorzugen scheint. So schreibt er:

(Torsten Capelle, 1982) “Die Höhlen des Sauerlandes sind während der Eisenzeit nicht nur als ständige Siedlungsplätze oder vorübergehend genutzte Zufluchtstätten aufgesucht worden. Darüber hinaus dienten sie zuweilen auch als Bestattungsorte. Durch die vielen neuzeitlichen Störungen in den Höhlen sind nähere Angaben über die Bestattungssitten jedoch nicht möglich, doch bieten die erhaltenen Funde allein schon ein eindrucksvolles Bild.” [9]

Ausdrücklich werden diese Deutungen jedoch in zwei Aufsätzen von H. Polenz abgelehnt. Er bevorzugt - mit ausdrücklichem Bezug auf die Jungfernhöhle und die Kyffhäuser-Höhlen - die fruchtbarkeitskultische Deutung der südwestfälischen Höhlen:

(Hartmut Polenz, 1983) “Vielmehr dürfte es sich in allen Fällen um Heiligtümer handeln, in denen es zu brauchmäßigen und religiös motivierten Deponierungen gekommen ist. Die Kulthandlungen und die damit in Verbindung stehenden Opfer mögen am ehesten chtonischen Mächten gegolten haben und sollten wohl letztlich die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Feld gewährleisten. Im Rahmen der periodisch abgehalten Feierlichkeiten kam es zweifelsfrei auch zur Opferung von Menschen, vornehmlich wohl weiblichen Personen, wobei Anhaltspunkte für anthropophage Handlungen gegeben sind.” [10]

(Hartmut Polenz, 1991) “Die gleichlautenden Ergebnisse lassen eigentlich keinen anderen Schluß zu, als daß wir es bei den hier besprochenen westfälischen Höhlen, gleichermaßen wie in den anderen Landschaften Mitteleuropas, während der vorrömischen Eisenzeit mit Opferplätzen und damit also mit vorgeschichtlichen Kultstätten zu tun haben. Bei aller Unsicherheit der älteren Nachrichten kann es trotzdem wohl keinem Zweifel unterliegen, daß es im Rahmen der Kultfeierlichkeiten während der vorrömischen Eisenzeit im südlichen Westfalen zur Tötung und anschließenden Zerstückelung von Menschen kam. [...] Nach den Befunden zu urteilen, kam es im Verlaufe dieser blutigen Opferfeierlichkeiten wohl auch zu Menschenfresserei, wobei das Essen von Menschenfleisch zum sakramentalen Ritus gehört zu haben scheint [...]." [11]

Hatte es früher nur vereinzelte Andeutungen und Stimmen gegeben - so von E. Carthaus und F. J. Kohle - so hält mit diesen beiden Aufsätzen der Kannibale Einzug in Westfalen. Besondere Unterstützung erfährt er dabei durch W. Bleicher. '>Hatte dieser in seiner Untersuchung der Großen Burghöhle im Hönnetal noch mit einer Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten für die Höhle gerechnet - vorgeschichtliches ´Brauhaus´, Begräbnishöhle, Fluchtunterkunft, Notberge, Wohnhöhle einer ´Priesterin´ [12] - so fokussiert er nun den Blick auf eine andere Höhlennutzung:

(Wilhelm Bleicher, 1991) “Wenn aber das Menschen- und Tieropfer als gegeben angenommen werden, dann muß der Schluß gelten, daß mit der Gabe und der Einverleibung in wörtlichem Sinne ein höherer Zweck verbunden werden soll.” [13]

“So lautet das Ergebnis, daß die verschiedenen Höhlen des Hönnetals verschiedene Praktiken einer oder mehrerer kultischer Handlungen in einem je unterschiedlichen Verbreitungsmuster zu repräsentieren scheinen. [...] Die Möglichkeit, daß die eine oder andere Höhle doch einmal ein Begräbnis- oder Wohnplatz gewesen ist, ist nicht auszuschließen.” [14]

W. Bleicher repräsentiert hier durchaus den ´mainstream´ der archäologischen Forschung in Deutschland, der in den 80´er und 90´er Jahren die Höhle als Kult- und Opferstätte als gesichert gilt. Einzig in der Frage, ob es Kannibalismus in den Höhlen gegeben habe, ist man sich nicht sicher. Hier nun einige Stimmen aus dieser Zeit:

(Michael M. Rind, 1996) “Inwieweit nun die einzelnen Befunde [in den westfälischen Höhlen] auf Menschenopfer schließen lassen, läßt sich häufig mangels detaillierter Grabungsunterlagen nicht mehr feststellen. Zumindest an drei Fundorten aber ist eine Opferhandlung höchst wahrscheinlich; dazu zählen die Leichenhöhle, die Karhofhöhle und die Veledahöhle.” [15]

(Bockisch-Bräuer, Christine; Zeitler, John P.: Kulthöhlen, 1996) “Trotz all dieser Einschränkungen lassen sich in vielen Höhlenfunden Relikte kultisch-religiöser Handlungen erkennen. [...] Die Vielfalt der Opfergaben - Menschen, Tiere, Schmuckgegenstände, pflanzliche Produkte usw. - läßt auf eine Vielfalt von [...] mythischen Wesen denken [sic!] [...].” [16]

(Hackler, Cornelia; Scheer, Anne; Krause, Elmar-Björn, 1996) “Bei den beschriebenen Befunden ist also von einer intentionellen Zerstückelung der Menschen auszugehen, die verbrannten menschlichen Knochen indizieren eine anschließende Opferzeremonie oder sogar ein rituelles Mahl. Schnittspuren an den Knochen, Mengen von teilweise gerösteten Getreidekörnern, zahlreiche Keramikscherben, Brandplatten und Feuerstellen und nicht zuletzt die darin eingebetteten, verbrannten menschlichen Knochen machen somit eine Interpretation dieser Höhlen als Kultplätze dunkler »Riten« wahrscheinlich, bei denen offenbar Menschenopfer eine Rolle spielten.” [17]

(Stefan Flindt, 1998) “Vermutlich in größter Not opferte man ihnen [den Göttern] aber auch das höchste Gut - den Menschen selbst. [...] Umfangreiche Reste solcher grausamen Menschenopfer fand man vor allem in den bronzezeitlichen Heiligtümern des Kyffhäusers. Der schlimme Verdacht aber, daß diese Opfer im Rahmen kannibalistischer Handlungen auch verspeist wurden, läßt sich trotz einiger Indizien bisher an keinem Ort mit hinreichender Sicherheit belegen.” [18]

Und doch gibt es andere Stimmen, die zu einem vorsichtigeren Umgang mit den Funden und Befunden mahnen. Schon A. Jockenhövel hatte in seiner Rezension der Arbeit W. Bleichers vor einer Verengung auf eine monokausale Deutung der Höhlen gewarnt. [19] Ausführlich tut das 1995 G. Bernhard, leider an sehr entlegener Stelle:

“Die westfälischen Höhlen und ihre eisenzeitliche Nutzung erlauben aus heutiger Kenntnis keine monokausalen Deutungen. Eher wird deutlich, daß mehrere Ursachen für die uns bekannten Phänomene in den Höhlen verantwortlich sind. Hinter scheinbar eindeutigen Indizien verstecken sich komplexe Bedeutungszusammenhänge und warten auf eine Entschlüsselung, die sowohl profanen (Große Burghöhle) als auch kultisch-religiösen (Leichenhöhle) Charakter haben kann. Dazwischen wird eine Palette aufgefächert, die zwischen Kriminalfall, Seuchenentsorgung, Unglücksfall bzw. Grabversteck in Zeiten vermehrten Grabraubs vieles an Erklärung zuläßt.” [20]

Entscheidende Argumente gegen die Deutung der nachpaläolithischen Höhlennutzung im Kontext von Fruchtbarkeitskult, Menschenopfern und Kannibalismus lieferten  zwei Autoren: H. Peter-Röcher und J. Orschiedt. Beiden ist gemeinsam, daß sie das Vorkommen von Kannibalismus insgesamt bezweifeln, den ´Kannibalismus´ als legendenhaftes Konstrukt entlarven.
Die Arbeit von H. Peter-Röcher ist etwas stärker philologisch gewichtet, während J. Orschiedt stärker naturwissenschaftlich ausgerichtet ist. Zusammen kommen sie zu einem klaren Ergebnis: Kannibalismus ist bis heute in keinem einzigen Fall nachweisbar (abgesehen von sicher bezeugtem Not-Kannibalismus), angebliche Menschenopfer lassen sich in vielen Fällen schlüssig als Bestattungsreste deuten.

(Heidi Peter-Röcher, 1998) “Die Deutung der Höhlen als Opferplätze basiert im allgemeinen nicht auf einer solchen Ausschlußmethodik - im Gegenteil werden andere Deutungen meist gar nicht geprüft, sondern allenfalls im Rahmen einer Nebenbemerkung verworfen, und dies aus gutem Grund, denn ein genauerer Blick auf die Befunde, wenn er einmal möglich ist, zeigt, daß eine Interpretation als Bestattungen häufig plausibler erscheint.” [21]
In einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen hat H. Peter-Röcher sich für die Deutung verschiedener Höhlenfundplätze als Orte von (Sekundär-)Bestattungen ausgesprochen, so auch im Falle der bekannten - und erst vor wenigen Jahren neu publizierten - Byci skala-Höhle.

2.   Kannibalismus - Vom Werden und Wachsen einer wissenschaftlichen Legende

Wie konnte aber das Deutungsschema ´Kannibalismus´ zu solch großer Bedeutung kommen, daß es bis heute in der Fundinterpretation kaum hinterfragt wird?  Die Antwort ist einfach, dennoch für die beteiligten Wissenschaften eher peinlich: Kannibalismus wird angenommen, weil man ihn als Vor-Urteil schon vor der genauen Sichtung der archäologischen Daten festgesetzt hat. Die Forscher wußten schon vor der Untersuchung das Ergebnis der Untersuchung.
Das Vorkommen von Kannibalismus wurde gewissermaßen als menschliche Grundgegebenheit akzeptiert: wie es selbstverständlich ist, daß Menschen essen und schlafen, so ist es auch selbstverständlich, daß Menschen Menschen verspeisen. Wie man sich also keine übermäßige Mühe geben muß, um Funde und Befunde dem Bereich Ernährung und Unterkunft zuzuordnen, so war (und ist) man auch recht schnell bei der Hand, einige nicht eindeutige Befunde als Beleg für das Vorkommen von Kannibalismus zu werten.
An dieser Stelle setzt nun die Kritik von H. Peter-Röcher und J. Orschiedt an. Können wir überhaupt davon ausgehen, daß Kannibalismus grundsätzlich zum Verhaltensrepertoire des Menschen gehört? Wie 1977 schon W. Arens stellen beide Autoren die These auf, daß es Kannibalismus als akzeptiertes menschliches Verhalten zu keiner Zeit und an keinem Ort gegeben hat. Ausgenommen davon sind allein der Not-Kannibalismus und psychopathologische Formen.
Letztlich ist ´der Kannibale´ ein Erbstück des antiken kosmologischen Wissens, das sich bis heute erhalten hat. Das antike Weltbild ist eine Mischung aus Mythos und Naturwissenschaft, beide sind eng ineinander verwoben. Ausgangspunkt ist eine sehr archaische Vorstellung, die bei allen vor- und nichtmodernen Kulturen selbstverständlich ist: Das eigene Volk lebt in der Mitte der Welt. Im Nordgermanischen Mythos ist dieser Ort als Midgard deutlich charakterisiert. In dieser eigenen, vertrauten Welt, ist die Welt in Ordnung, in des Wortes eigentlichster Bedeutung: Die Welt ist kosmisiert.
So steht am Beginn der Schöpfungsmythen fast immer eine Schöpfungshandlung, die aus dem ungeordneten Vor-Welt-Zustand, dem Chaos, einen Kosmos, eine Welt erschafft. Dieser Welt steht die Un-Welt, das Chaos, bedrohlich gegenüber. Die eigene Welt zeichnet sich durch ihre Mitte aus, z. B. den Tempel des wichtigsten Gottes. In der eigenen Welt gelten Gott-gegebene Gesetze, die die innere Weltordnung gewährleisten. Wenn nun diese Mitte, die eigentliche Welt, verlassen wird, dann bedeutet die geographische Entfernung von der Mitte immer auch die Distanzierung von der Ordnung der Welt. Je weiter weg sich der archaische Mensch von seiner Mitte bewegt, desto chaotischer wird ihm die Welt. Die zunehmende Unordnung zeigt sich in allen Bereichen und nimmt mit der Entfernung von der Mitte zu.

Das zeigt sich sogar in Tacitus´ Beschreibung Germaniens. Während die Nachrichten über das eigentliche Germanien viele zutreffende Details enthalten, wird der Bericht jenseits Germaniens wieder schematisch:

“Sie alle sind schmutzig und die Vornehmen reglos. Durch Mischehen sind sie einigermaßen [...] entstellt.” [22]

Den antiken Topos von den monströsen Menschen an den Rändern der Welt versucht der nüchterne Tacitus also durch ´Inzucht´ zu erklären. Bei den Völkern, die noch weiter entfernt liegen, kann er der Tradition nicht mehr recht folgen:

“Das übrige ist bereits märchenhaft: daß die Hellusier und Oxionen Köpfe und Gesichter von Menschen, (aber) Körper und Glieder von Tieren haben: Das will ich, da es noch unerforscht ist, dahingestellt sein lassen.” [23]

Diese Zurückhaltung haben vor und nach ihm längst nicht alle Schriftsteller an den Tag gelegt. Und so bevölkern allerhand wundersame Wesen den Rand der Welt, sowohl in der Literatur, als auch auf den mittelalterlichen Weltkarten: “sechshändige Menschen, Kopflose (Blemmyae oder Acephales) und Hundsköpfige (Cynocephalen)” [24], solche, mit nur einem Fuß oder mit nach hinten weisenden Füßen, mit nur einem Auge, oder einem Auge auf der Brust.
Und in dieser erlesenen Reihe steht - endlich - auch der Androphage/Anthropophage, der Menschenfresser. Von diesem wußte man zu berichten, es handle sich

“um im hintersten Indien lebende nackte Völker, die Menschenfleisch aßen und Blut tranken.” [25]

Interessanterweise finden sich nun vor allem im Mittelalter immer wieder Reiseberichte, in denen Weltreisende von ihren Begegnungen mit der fremden Kultur in der Ferne berichten. Und in diesen Berichten tauchen tatsächlich all die monströsen Wesen der mythischen Geographie auf. Gerade diesen Berichten wurde geglaubt - im Gegensatz etwa zu den wesentlich realistischeren und auf Augenzeugenschaft beruhenden Beschreibungen Marco Polos. Der Grund dafür liegt im mittelalterlichen Verständnis von Wissenschaft:

(Rudolf Simek) “Darin unterschied sich ja der mittelalterliche Wissenschaftsbegriff in erster Linie vom neuzeitlichen, daß man Erfahrung an der Autorität der Bücher maß und nicht umgekehrt. Nicht umsonst war das ausschließlich auf älteren Texten basierende Werk des John of Mandeville für das mittelalterliche Publikum das glaubwürdigste seiner Gattung, da es so gut wie gar nichts Neues brachte und somit auch nicht von der Tradition älterer, autoritativer Werke abweichen konnte.” [26]

Zwei Dinge können dann nicht mehr verwundern. Einmal, daß der Kannibalismus-Vorwurf zum Stereotyp wurde, der nicht nur gegen die fremden Völker in der Ferne, sondern auch gegen die fremden Völker in der eigenen Bevölkerung erhoben wurde: Juden, Zigeuner, die angeblichen ´Hexen´, sie alle sahen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, Menschen zu töten und zu essen. Die Folgen sind bekannt.
Weiterhin ist damit auch klar, mit welchen Erwartungen die Entdecker der beginnenden Neuzeit in die Ferne aufbrachen:

(Heidi Peter-Röcher) “Mit der Entfernung von der vertrauten Welt steigt die Erwartung, Völker mit zunehmend wilden und merkwürdigen Sitten anzutreffen, und ebenso die Bereitschaft, Informationen weniger kritisch aufzunehmen und sie nicht mehr auf ihre Herkunft und Glaubwürdigkeit zu prüfen. Bei der Bestimmung fremder Völker als Kannibalen dürfte diese Erwartungshaltung eine große Rolle gespielt haben [...].” [27]

Derartig vorbereitet, fanden die Entdecker tatsächlich Kannibalen. Selbst Stämme, die sich den Eroberern und Entdeckern gegenüber zunächst friedlich verhalten hatten, wurden - sobald es zum Konflikt kam - als Kannibalen bezeichnet.

“Dafür dürfte noch ein weiterer Grund ausschlaggebend gewesen sein: Bereits 1503 wurde durch die spanische Krone die Versklavung von Indianern verboten, und zwar mit Ausnahme von Menschenfressern und Widerstand leistenden Gruppen, deren Zahl daraufhin sprunghaft anstieg.” [28]

Sämtliche Berichte über Kannibalismus sind höchst zweifelhaft. Sie sind interessante Zeugnisse eines gescheiterten Kulturkontakts, aber keine Belege für Kannibalismus. Bis in die Neuzeit hinein lassen sich ´Beweise´ dieser Art für Kannibalismus beobachten. Nicht verstandenes Totenbrauchtum und Ahnenverehrung werden als Kannibalismus gedeutet, so zum Beispiel das Dörren von Körperteilen zur Konservierung der verehrten (oder - bei Trophäenschädeln - verachteten) Gliedmaßen, oder auch das Kochen und Entfleischen, das allein der Gewinnung der Knochen dient.
Noch banaler ist die - offenbar gar nicht so seltene - Verwechslung von Affenfleisch mit menschlichen Körperteilen.
Angesichts der Sprachprobleme ist es erstaunlich, wie detailliert die Berichte verschiedener Reisender sind, die sich den Kannibalismus genau haben erklären lassen, obwohl sie an anderer Stelle gestehen, kein Wort der fremden Sprache verstehen zu können. Die moderne Geographie, Zoologie und Ethnographie hat sich längst von den Fabelwesen der Antike verabschiedet. Man weiß, daß es keine Einhörner gibt, keine Hundsköpfigen und keine Kopflosen, beim Kannibalen tut man sich viel schwerer.
Jedoch gehört der Kannibale zur gleichen Gruppe der monströsen Fabelvölker - und mit ihnen in das Reich der Phantasie. Aus diesem Grund sollte sich auch die Ur- und Frühgeschichte schleunigst von diesem mythologischen Ballast der Antike lösen. Es geht den Archäologen nicht anders als Kolumbus: Sie wissen bereits vor dem Aufbruch in die ferne Vergangenheit, wen sie in dieser zeitlichen Ferne treffen werden: den Kannibalen (auch sie haben die übrigen monströsen Völker dagegen schon früh aus dem Erwartungshorizont gestrichen).
Als Anzeichen für Kannibalismus werden in der Archäologie gemeinhin folgende Befunde gewertet:

Es gibt jedoch durchaus andere und einfachere Erklärungen für all diese Phänomene. Diese sollen nun vorgestellt werden, nachdem wir einen letzten - vielleicht durchaus wehmüten - Blick auf den uns allen so vertraut gewesenen Kannibalen geworfen haben.

"Eigentlich essen wir ja keine Menschen! Nur die Witzzeichnungen haben uns dazu angeregt."

3.   Sekundärbestattungen - Pietät ist kulturell bedingt

Als Hinweis auf den kannibalistischen Hintergrund von Funden wird gern behauptet, die gefundenen Knochen seien nicht regulär bestattet worden. Man kenne die Bestattungssitten der betreffenden Zeit genau, mit diesen sei der Knochenfund nicht vereinbar, man könne daher annehmen, daß es sich um ein Zeugnis kannibalistischer Bräuche handle. [29]
Zwei gut bezeugte ethnologische Berichte sollen zeigen, wie wenig sinnvoll solche Behauptungen sind. Der erste schildert das ´Totenfest´ der Huronen, einem nordamerikanischen Indianerstamm.

“Die detaillierteste Beschreibung dieses Bestattungsvorganges stammt von dem Jesuiten Jean de Brébeuf, der im Jahre 1636 ein solches ´Feast of the Dead´ miterlebte. Nachdem der Platz für die Sekundärbestattung von den Ältesten ausgewählt worden ist, wurden die Toten der verschiedenen Dörfer, die an der Zeremonie beteiligt waren, exhumiert. Die Überreste der mehr oder weniger verwesten Toten wurden aufgebahrt, [sic!] und die Knochen von noch anhaftenden Weichteilen befreit. Diese Reste wurden zusammen mit den noch an den Toten befindlichen Textilien verbrannt. Die weiblichen Verwandten des Toten reinigten die Knochen und wickelten sie zusammen mit Beigaben in Biberfelle ein. Diesen Bündeln gab man menschliche Umrisse. Die erst kürzlich Verstorbenen wurden in ihrem Zustand belassen, weder zerteilt, noch wurde das Fleisch von den Knochen gelöst. Die Bündel wurden bis zur Beisetzung im Kollektivgrab am Dachfirst aufgehängt oder auf dem Boden des größten Langhauses ausgelegt. Bei dem Ossuarium handelte es sich meist um eine tiefe kesselförmige Grube, um die eine Holzplattform mit einem Gerüst errichtet wurde. Auf ein Zeichen der jeweiligen Dorfhäuptlinge wurden vor der Beisetzung die Bündel mit den Gebeinen der Toten an das Gerüst gehängt, wobei jedes Dorf seine Toten gesondert befestigte. Zuvor wurden die Bündel noch einmal geöffnet, die Toten betrauert und weitere Beigaben hinzugefügt. [...] Bei Sonnenaufgang wurden die Bündel von dem Gerüst abgenommen, aufgewickelt und die Knochen zusammen mit weiteren Beigaben in die Grube geschüttet. Hierbei sollten sich die Überreste der verschiedenen Toten gut vermischen [...].” [30]

Von den australischen Aborigines ist eine ebenfalls sehr interessante Totenbehandlung überliefert. Im Anschluß an eine Primärbestattung, die als Plattform- oder Erdbestattung vorgenommen wird, werden nach der Auflösung des anatomischen Verbandes die menschlichen Skelettreste folgendermaßen weiterbehandelt:

“Einzelne Bündelbestattungen erwachsener Individuen werden bei den Lyne River People durchgeführt, wobei die Bündel eine unterschiedliche anatomische Zusammensetzung aufweisen. Das erste Bündel besteht aus Armknochen, Schienbeinen, Händen, Schulterblätter, Schlüsselbeinen und Rippen. Das zweite Bündel wird aus den Oberschenkeln, Füßen, Becken, Wirbeln und Zähnen gebildet. Das dritte Bündel schließlich besteht aus den Kniescheiben, dem Brustbein, dem oberen Abschnitt der Wirbelsäule und dem Unterkiefer. Der Deponierungsort der einzelnen Bündel variiert. Ein Bündel wird an dem Teich niedergelegt, an dem der Geist des Verstorbenen von seinem Vater zuerst ´gefunden´ wurde. Ein weiteres Bündel wird an dem Platz niedergelegt, an dem die Nabelschnur des Verstorbenen vergraben wurde. Das dritte Bündel wird, falls es sich um einen männlichen Toten handelt, vom Bruder der Mutter am Platz der Initiation beigesetzt, während die Skelettreste einer Frau an dem Platz niedergelegt werden, an dem das Neugeborene unmittelbar nach der Geburt zum ersten Mal mit Holzkohle bemalt wurde. Der Schädel eines Mannes wird schließlich unter einem Stein beigesetzt, der an sein erstes getötetes Känguruh erinnert, während der Schädel einer Frau an dem Platz beigesetzt wird, an dem sich die Verstorbene als Säugling zum ersten Mal krabbelnd fortbewegte.” [31]

Diese beiden Beispiele können wichtige Hinweise liefern. Zuerst einmal zeigen sie, daß unsere Form des Umgangs mit Toten nicht die einzig mögliche ist. Die Form pietätvollen Umgangs mit den Verstorbenen ist eine Äußerung der menschlichen Kultur, nicht der Natur, und als solche selbstverständlich von Kultur zu Kultur verschieden. Die archäologischen Spuren, welche die beiden vorgestellten Bestattungsrituale hinterlassen, sind exakt diejenigen, die in Europa fast zwangsläufig die Interpretation ´Kannibalismus´ auslösen würden.
vereinzelte menschliche Knochen: Beide Sekundärbestattungen hinterlassen vereinzelte Knochen. Bei Totenfest der Huronen können kleinere Knochen sehr leicht verloren gehen und nicht in der Grube landen, erst recht machen die Knochenbündel der Aborigines einen ´vereinzelten´ Eindruck.
menschliche Knochen in Siedlungen: In beiden Fällen kommt es fast zwangsläufig zu Knochenfunden im Siedlungsbereich. Die Vorbereitung der Skelettreste für das Totenfest wird wohl im Bereich der Siedlungen stattgefunden haben, eventuell verlorene Knochen bleiben hier zurück. Daß einige der australischen Knochenbündel im Siedlungsbereich deponiert werden versteht sich von selbst.
unvollständige Skelette: Beide Bestattungsformen hinterlassen keine vollständigen Skelette. Zumindest sind solche die Ausnahme. Die ´Umbettung´ von der Primär- zur Sekundärbestattung hat zwangsläufig Knochenverluste zur Folge. Bei der Primärbestattung können Verluste durch Verwesung oder auch Raubtierfraß auftreten, bei der Exhumierung können Knochen am Ort der Primärbestattung übersehen werden.
Knochen mit Kratz-, Schlag- und Hackspuren: Sowohl die Primärbestattung kann solche Spuren - z. B. durch Tierfraß - hervorrufen, als auch die Exhumierung. Weiterhin wird zumindest von den Huronen ausdrücklich gesagt, daß anhaftende Weichteilreste von den Knochen entfernt werden. Das kann z. B. durch Abschaben erfolgen, was wiederum Spuren hinterläßt.
menschliche Knochen an Feuerstellen: Bei der Entfleischung von Knochen ist das Kochen der nicht vollständig verwesten Weichteile hilfreich. Des weiteren ist Totenbrauchtum überliefert, bei dem Knochen über kleiner Flamme gedörrt worden sind. Daß es dabei zu Verlusten in die Feuerstelle hinein kommen kann, braucht nicht zu verwundern.
menschliche Knochen vergesellschaftet mit tierischen Knochen: Bei offenen Primärbestattungen können einzelne menschliche Körperteile von Tieren verschleppt werden, dadurch sogar wieder in die menschlichen Siedlungen gelangen. Unerkannt werden dann einzelne menschliche Knochen auf den gleichen Abfallhaufen wandern, wie tierische Knochen auch. Weiterhin ist es denkbar, daß im Rahmen von Totenriten Tiere als Beigaben mit den Menschen bestattet wurden und zum andern, daß die Reste der bei den Totenfeierlichkeiten geschlachteten Tiere die gleiche Behandlung wie die menschlichen Knochen erfuhren.
Zwei weitere interessante Schlüsse kann man aus den Beispielen ziehen. Einmal kann das Totenfest der Huronen erklären, wie an ein und derselben Stelle ganz unterschiedlich dekomponierte Skelette gefunden werden können. Die Totenfeste fanden in recht großem zeitlichen Abstand statt, etwa alle 10 bis 12 Jahre. Die Körper der zuerst Verstorbenen waren zu dieser Zeit bereits vollständig dekomponiert, die Knochen wurden deshalb in der Sekundärbestattung völlig disloziert. Die zuletzt Verstorbenen dagegen waren noch vollständig im anatomischen Verbund, gerieten auch so in die Sekundärbestattungsgrube. Ähnliche Befunde werden in Europa fast immer als Menschenopfer gedeutet.
Weiterhin: Der Blick auf die Knochenbündel der Aborigines mahnt zu äußerster Bescheidenheit, was den Versuch angeht, den geistigen Hintergrund des archäologischen Befundes aufzuhellen. Für den Bestatteten und die ihn bestattende Gemeinschaft hat der Platz eines jeden Bündels eine ganz besondere Bedeutung. Diese ist jedoch archäologisch nicht erkennbar.
Es kann daher zusammenfassend gesagt werden: Bei der Deutung der nachpaläolithischen Höhlenfunde ist das Deutungsmodell ´Sekundärbestattung´ ernsthaft zu erwägen.
Angesichts der Unbewiesenheit des Phänomens ´Kannibalismus´ ist dieser Deutung der Vorzug zu geben. 

4.   Und im Sauerland?

Bei der Übertragen auf unsere sauerländischen Verhältnisse ergeben sich die gleichen Probleme, vor denen man auch in anderen Fundprovenienzen steht: Die meisten Funde stammen aus Altgrabungen, teilweise eher aus ´Uralt-Grabungen´. Funde sind verloren gegangen, Befunde nur in den allerseltensten Fällen dokumentiert. Unentdeckte Höhlen mit intakten nachaltszeinzeitlichen Fundschichten sind nur in allergeringster Zahl zu erwarten. Allerdings gibt es genügend Beispiele für erfolgreiche Nachgrabungen in den Höhlen des Sauerlandes. Es fehlt schlicht das, was A. Jockenhövel bereits 1993 forderte:

“Der Rezensent ist daher der Auffassung, daß moderne Grabungen, auch an vielleicht noch vorhandenen intakten Schichten westfälischer Höhlen, besseren Aufschluß liefern könnten. Ein entsprechendes Höhlenprogramm sollte für Westfalen aufgelegt werden.” [32]

Die bisher vorgelegten Fundinterpretationen müssen dringend der Methodenkritik unterzogen werden. Woher wissen die Forscher, was sie meinen aussagen zu können? Das Ergebnis, soviel steht schon jetzt fest, wird in vielen Fällen höchst ernüchternd ausfallen. Es werden Dinge ´gewußt´, die man nicht wissen, die man zumindest nicht sinnvoll belegen kann. Es fehlen vor allem moderne anthropologische Untersuchungen der menschlichen Skelettreste. Von diesen darf man sich interessante Aufschlüsse erwarten.
Eine absolute Altersbestimmung der Skelettreste könnte helfen, die Beziehungen zwischen den Knochen und den übrigen Funden, vor allem der zahlreichen Keramikscherben, zu klären. Soweit es beim (noch) vorhandenen Knochenbestand möglich ist, könnten Alter und Geschlecht der Verstorbenen bestimmt werden. Das ist aus zwei Gründen wichtig.
Einmal könnte geklärt werden, ob es tatsächlich eine Dominanz weiblicher Skelettreste in den Höhlen gibt. Diese behauptete Dominanz könnte möglicherweise der Phantasie der Forscher entsprungen sein, da ´Jungfrauenopfer´ einen ganz eigenen Reiz haben. Die Nachuntersuchung der Jungfernhöhle bei Tiefenellern hat z. B. gezeigt, daß alle weiblichen Beckenknochen eindeutig von Frauen stammen, die schon - mindestens - einmal geboren haben. [33]
Andererseits zeigte sich in der Jungfernhöhle tatsächlich ein deutliches Übergewicht von weiblichen Skelettresten, etwa im Verhältnis 85 : 10. Interessanterweise zeigen gleichzeitige bandkeramische Gräberfelder in Bayern nun aber einen Überhang männlicher Bestattungen, im Verhältnis 70 : 30. Aus diesem Grund schließt J. Orschiedt:

“Das Fehlen der weiblichen Individuen auf diesen Gräberfeldern deutet darauf hin, daß die Bestattung auf einem Friedhof keineswegs die einzige ´normale´ Bestattungsform darstellt. Die Sekundärbestattung von überwiegend weiblichen Individuen in Tiefenellern könnte unter Umständen neben den Siedlungsbestattungen eine Erklärung für das Defizit der Frauen und Kinder auf bandkeramischen Gräberfeldern liefern.” [34]

Sämtliche Befunde aus den Höhlen des Sauerlandes lassen sich völlig problemlos als Überreste von Sekundärbestattungen interpretieren. Leider wissen wir nicht, in welcher Form, an welchem Ort die metallzeitlichen Toten erstbestattet wurden. Nach einer gewissen Zeit sind sie jedoch ganz offensichtlich von diesem Ort der Erstbestattung entfernt worden. Diese Behandlung erklärt auch das Fehlen vollständiger Skelette. Verwesung, Verschleppung durch Tiere, das ´Vergessen´ einzelner Knochen bei der Exhumierung oder aber eine bewußte Selektion - man vergleiche hier wieder die komplizierte Zusammenstellung der australischen Knochenbündel - sind dafür verantwortlich.
Diese Erklärung ist - zugegebenermaßen - nicht so dramatisch und phantasievoll wie die Erklärung W. Bleichers:

“Für das Zerteilen der Körper der Toten, vor allem für das eindeutige Fehlen, besonders der Rippen, der Wirbel und der meisten Extremitätenknochen, ist kaum eine andere Erklärung als die absichtliche zweckgerichtete Zerteilung zwecks Zuteilung von Einzelstücken an ndie Mitglieder der Kultgemeinschaft, die die Stücke entweder gegessen oder (und) zur Stärkung der Ackerfruchtbarkeit mit aus der Höhle herausgenommen haben, möglich. Denn die Skelette sind nicht nur in den Hönnetalhöhlen ´zufällig´ immer nur in Bruchteilen vorhanden, sondern in ganz Deutschland. Wo der Zufall endet, beginnt die Absicht. Also müssen Teile menschlicher Skelette (dann mit Fleisch oder abgegessen) aus der Höhle herausgebracht worden sein. Das später im gleichen Raum belegte Palmen der Äcker mit Zweigen kann eine Ersatzhandlung für die ursprüngliche oder in Notzeiten gebotene Einbringung von Menschenzähnen oder Menschenopferfleisch zur Stärkung der Vegetationskraft sein.” [35]

Sogar die Volkskunde wird hier mißbraucht, um ein unbelegbares Konstrukt zu unterstützen. Es war ein langer und schmerzhafter Prozess in der Volkskunde, nach den verschiedenen nationalsozialistischen ´Sündenfällen´ dieser Disziplin, sich von platten Kontinuitätsannahmen zu verabschieden. Analogien sind Analogien, keinesfalls sollte man aus ihnen Abhängigkeiten ableiten.
Mit der Ablehnung des Konstruktes von Menschenopfer und Kannibalismus ist - das sei ausdrücklich betont - keinesfalls der kultische Charakter der Höhlen geleugnet, im Gegenteil. Die Höhlen sind ganz offensichtlich Orte des Totenkultes gewesen. In diesem Rahmen können auch die übrigen Funde aus den Höhlen gedeutet werden. Wie das Totenfest der Huronen zeigte, ist die Sekundärbestattung keinesfalls beigabenlos. Keramik, Waffen, Schmuck, Trachtbestandteile, das alles kann in diesem Sinne erklärt werden.
Daß es anläßlich der Sekundärbestattung oder im Rahmen späteren Aufsuchens der Höhlen zu kultischen Mahlfeiern, etwa im Rahmen des Ahnenkultes, gekommen ist, ist sehr wahrscheinlich. Das erklärt problemlos das Vorkommen verschiedener Funde. Die Feuerstellen könnten im Zusammenhang mit solchen Begehungen stehen, es ist aber auch eine andere Deutung denkbar. In den jungsteinzeitlichen Steinkistengräbern des Hellwegraumes, der Paderborner Hochfläche und der Warburger Börde hat man Spuren von Feuerstellen angetroffen. Diese werden meist als ´Reinigungsfeuer´ gedeutet, die vor einer neuen Bestattung den Platz für die Bestattung vorbereiten sollten. Eine solche Erklärung sollte doch ebenfalls für die Feuerstellen in den Höhlen denkbar sein.
Damit soll nun keineswegs die eine monokausale Deutung der westfälischen Höhlen durch eine andere, ebenso monokausale, ersetzt werden. Die sehr hilfreichen Übersichten hinsichtlich der Nutzungsphasen und der Funde und Befunde aus den Höhlen bei W. Bleicher
[36] sollten reichen, um eingleisigen Erklärungen zu widerstehen. Zu unterschiedlichen Zeiten können die Höhlen durchaus sehr unterschiedlich genutzt worden sein.
Eines aber bleibt festzuhalten: Der Kannibale, der sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in die westfälischen Höhlen eingeschlichen hatte, kann dahin zurückkehren, woher er gekommen ist: Ins Reich der Phantasie oder der Ideologie.
Denn auch dort - so berichtet J. Orschiedt - ist der Menschenfresser Zuhause. Chinesische Wissenschaftler sind deshalb vom Kannibalismus beim Peking-Menschen so unerschütterlich überzeugt, weil Friedrich Engels die generelle Existenz des Kannibalismus bewiesen habe.
[37]

Anmerkungen:

[1]  Orschiedt, J.: Manipulationen. S. 42

[2]  Krebs, A.: Die westfälischen Höhlen in jungvorgeschichtlicher Zeit. In: Mannus 25/2 (1933), S. 207 - 234, hier S. 234

[3]   Albrecht, Christoph: Aus Westfalens Vorzeit. Dortmund: 1938, S. 62

[4]  Capelle, Torsten: Bilder zur Ur- und Frühgeschichte des Sauerlandes. Brilon: 1982, S. 59; ähnlich ebd. S. 63.

[5]  Henneböle, Eberhard: Die Kulturhöhle im Bilsteinfelsen. In: Heimatblätter (Lippstadt) 41/24 (1960), S. 185 - 189, hier S.188: “Die Bewohner der Kulturhöhlen unserer Heimat waren die Eisenhüttenleute der Vorzeit.”

[6] Vgl. zuletzt Hömberg, Ph. R.: Die Vor- und Frühgeschichte. S. 41 f., der eine mittelalterliche Einordnung der Schmelzöfen des Lörmecketals für möglich hält.

[7]  Beck, Hans: Übersicht über die Vor- und Frühgeschichte des Sauerlandes. Arnsberg: 1975, S. 8

[8]  Capelle, Torsten: Bilder zur Ur- und Frühgeschichte des Sauerlandes. Brilon: 1982, S. 64

[9]  Capelle, Torsten: Bilder zur Ur- und Frühgeschichte des Sauerlandes. Brilon: 1982, S. 63

[10] Polenz, Hartmut: Überlegungen zur Nutzung westfälischer Höhlen während der vorrömischen Eisenzeit. In: Karst und Höhle 1982/83. München: 1983, S. 117 - 120. S. 117

[11] Polenz, Hartmut: Opferhöhlen der vorrömischen Eisenzeit im südlichen Westfalen. In: Höhlen. Wohn- und Kultstätten des frühen Menschen im Sauerland. Münster: 1991, S. 33 - 63, S. 58f.

[12] Bleicher, W.: Die Große Burghöhle. S. 66f.; 70.

[13] Bleicher, Wilhelm: Die Bedeutung der eisenzeitlichen Höhlenfunde des Hönnetals. Altena: 1991, S. 196

[14] Bleicher, Wilhelm: Die Bedeutung der eisenzeitlichen Höhlenfunde des Hönnetals. Altena: 1991, S. 197

[15] Rind, Michael M.: Menschenopfer. Vom Kult der Grausamkeit. Regensburg: 1996, S. 143

[16] Bockisch-Bräuer, Christine; Zeitler, John P.: Kulthöhlen. Funde, Deutungen, Fakten. Nürnberg: 1996, S. 9

[17] Hackler, Cornelia; Scheer, Anne; Krause, Elmar-Björn: Spuren des Menschen. Archäologische Funde aus Höhlen. In: Im Reich der Dunkelheit. Höhlen und Höhlenforschung in Deutschland. Hg. v. Wilfried Rosendahl und Elmar-Björn Krause. Gelsenkirchen: 1996, S. 114f.

[18] Flindt, Stefan: Kulthöhlen und Menschenopfer in Harz, Ith und Kyffhäuser. Holzminden: 1998, S. 24

[19] Jockenhövel, A.: Rez. Bleicher: Die Bedeutung.

[20] Bernhard, Günter: Die westfälischen Höhlen und ihre eisenzeitlichen Funde und Befunde im musealen Kontext. In: Pravek NR 5 (1995), S. 157 - 180, hier S. 170.

[21] Peter-Röcher, Heidi: Die cí skála-Höhle in Mähren. Opfer, Ahnenkult und Totenritual in der Hallstattzeit. In: Das Altertum 44/1 (1998), S. 3 - 30, hier S. 27.

[22] Tacitus: Germania 46, 1.

[23] Tacitus: Germania 46, 4.

[24] Simek, R.: Erde und Kosmos. S. 109.

[25] Simek, R.: Erde und Kosmos. S. 106.

[26] Simek, R.: Kosmos und Welt. S. 83.

[27] Peter-Röcher, H.: Mythos Menschenfresser. S. 76.

[28] Peter-Röcher, H.: Mythos Menschenfresser. S. 105.

[29] Beispiele dafür bei Peter-Röcher, H.: Mythos Menschenfresser. S. 17 - 19. Ausführlicher dies.: Kannibalismus. S. 32 - 42.

[30] Orschiedt, J.: Manipulation. S. 27.

[31] Orschiedt, J.: Manipulation. S. 26.

[32] Jockenhövel, A.: Rezension Bleicher: Die Bedeutung. S. 142.

[33] Vgl. Orschiedt, J.: Manipulation. S: 175.

[34] Orschiedt, J.: Manipulation. S. 178.

[35] Bleicher, W.: Die Bedeutung. S. 151

[36] Bleicher, W.: Die Bedeutung. S. 297 f.

[37] Orschiedt, J.: Manipulationen. S. 61.

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