Bilsteinzeit - ein Holzweg!
Seit
einiger Zeit sucht die Stadt Warstein auf ihrer Internet-Seite nach Betreibern
und Investoren für die "Bilsteinzeit". Als grafischen Aufhänger
hat man sich ausgerechnet die Geiervoliere am Bilsteinfelsen ausgesucht - ein
Gehege, das mitten in ein Biotop nach §62 Landschaftsgesetz NRW hineingeplant
worden ist. Auf dem Papier hält man also an einem sinnlosen Plan weiter
fest: Eine unseriöse Planung auf ´geschönten´ Grundlagen
mit frei phantasierten Kostenansätzen..
Am 6. November beschloss
der Rat der Stadt Warstein, das Planungskonzept "Bilsteinzeit" zur
Grundlage weiteren Planens rund um die Bilsteinhöhle zu machen, konkret:
Das vorgelegte Konzept soll realisiert werden. Die Stadt Warstein soll ein Bebauungsplanverfahren
einleiten und einen Investor/Betreiber suchen, der die Pläne anschließend
verwirklicht.
Aber: Liegt überhaupt
ein Konzept vor, das verwirklicht werden kann? Um diese Frage hat man sich herumgedrückt.
Eine ausführliche, detailliert begründete, ablehnende Stellungnahme
der WAL-Fraktion sollte dem Fachausschuss mit allen Mitteln vorenthalten werden.
Man hatte sicher seine guten Gründe für diese Strategie.
Es gibt zahllose
Schwachstellen am Konzept "Bilsteinzeit", nur auf einige grundlegenden
kann hier eingegangen werden.
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Die gesamte
Investitionssumme von ca. 3.000.000,-- Euro ist für die Einrichtung
eines Tierparks geplant. Nicht ein einziger Cent soll in die Bilsteinhöhle
selbst fließen (Investitionsbedarf ist hier durchaus gegeben!). Letzlich
wurde ein Tierpark geplant, der als lästiges Anhängsel noch eine
Höhle hat. Diese Höhle beschränkt auch noch die Besucherzahlen,
denn mehr als 80.000 Besucher können realistischerweise nicht vernünftig
durch die Höhle geführt werden. Ausweg der Gutachter: Man müsse
die Führungen (derzeit ca. 25 - 30 Minuten) eben verkürzen. Das
zeigt, dass die Planer keine Ahnung vom Betrieb einer Schauhöhle haben.
Die derzeitigen Führungen sind vielen Besuchern bereits ´zu schnell´,
sie hätten gern noch viel mehr Zeit in der Höhle. Wollte man die
Führungen auf unter 20 Minuten drücken, würde man Besuchergruppen
durch die Höhle hetzen, was die schlimmste Anti-Werbung wäre.
Angesichts von nur 50 Schauhöhlen, aber rund 700 Tierparks in Deutschland
erscheint die Planung eines Tierparks und die Vernachlässigung der
Höhle als groteske Landung neben dem Ziel. Ein Vergleich des vorgesehenen
Tierbestandes mit dem Zoo Gelsenkirchen oder dem Tierpark Dortmund (also
mitten im angedachten Quellgebiet der Besucher) zeigt auch, dass die Planungen
für das Bilsteintal wenig originell sind. Es ist nicht einsehbar, warum
Besucher weite Wege unternehmen sollen, um hier die gleichen Tiere in einer
deutlich schwächeren Inszenierung zu besehen (die Renovierung des Zoos
Gelsenkirchen ist mit 86.000.000,-- Euro angesetzt, hier wurden großflächig
Landschaften inszeniert).
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Die
vorausgesagten Besucherzahlen (mindestens 120.000 pro Jahr) sind völlig
unrealistisch. Der benachbarte Wildwald Vosswinkel, der seit Jahren eine
hervorragende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreibt, hat im Jahr
2005 erstmals die Grenze von 100.000 Besuchern überschritten. Dabei
liegt der Wildwald deutlich günstiger am Quellgebiet der angedachten
Besucherströme. Die Planer hantieren sogar mit falschen Zahlen um ihre
Prognosen wahrscheinlicher erscheinen zu lassen. So behaupten sie, die Atta-Höhle
hätte 80.000 Besucher im Jahr, richtiger dürften wohl 200.000
sein. Aber diese hohe Zahl hätte gezeigt, dass eine gut geführte
Höhle ein sehr großes Besucherpotential hat - wenn sie in der
internationalen Liga der Atta-Höhle spielt. Bei der Rechnung der Planer
hat man Wildpark-Zahlen und Höhlen zahlen einfach zusammengezählt
um zu demonstrieren: Die Kombination von Höhle und Wildpark in Warstein
wird eine ´Besuchersumme´ erzielen. Aber diese Rechnung geht
eben nur auf, wenn man die Zahlen der Attahöhle fälscht. Unseriöses
Vorgehen!
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Die Planungrechtlichen
Einschränkungen des Bereiches werden heruntergespielt. Der gesamte
überplante Bereich ist Teil des Landschaftsschutzgebietes Arnsberger
Wald. Sicherlich ist das ein grundsätzlich überwindbares Hindernis,
dennoch - man muß mit einem genaueren Hinsehen rechnen. Teile des
Bereiches sind eingetragene Biotope nach §62 Landschaftsgesetz NRW.
Wenngleich die Planer versucht haben, diese Bereiche weitgehend zu umgehen,
einige Planungen würden einen massiven Eingriff bedeuten. Vor allem
die geplante Geiervoliere am Bilsteinfelsen wird es nicht geben. Der Bilsteinfelsen
ist Biotop nach §62, eine Entlassung aus dem Schutz wäre nur möglich,
wenn man begründen könnte, dass die Geiervoliere nur an dieser
Stelle möglich ist, dass es keine Alternativen gibt. Man braucht das
kaum weiter zu kommentieren, denn selbstverständlich könnten die
Geier auch an anderer Stelle hausen. Daneben ist der Bilsteinfelsen - auch
im geplanten Geier-Bereich, mit Schwalbenwurz (Vincetoxicum hierundinum)
bewachsen, eine Art der Roten Liste NRW. Diese Bedenken wurden vom Planungsbüro
ohne Begründung abgewiesen - das ist verständlich, denn man kann
argumentativ nicht gegen diese Bedenken angehen. Völlig
unbekannt ist den Planern offensichtlich auch, dass es sich bei der Bilsteinhöhle
um ein Fledermausquartier handelt. Den Eingang zu einem solchen Quartier
mit Netzen zu verhängen ist naturschutzrechtlich undenkbar: Fledermäuse
sind streng geschützte Arten. Nach Bundesnaturschutzgesetz ist die
Genehmigung einer solchen Geiervoliere nicht möglich - dennoch wird
von den Gutachtern munter behauptet, man sehe hier keinerlei Schwierigkeiten.
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Im Bilsteintal
sind drei Teiche geplant. Diese Planungen stehen in krassem Gegensatz zu
derzeit geltenden Grundlinien wasserrechtlichen Planens. Auch hier wurde
der Hinweis der WAL, es handele sich bei den Planungen um einen UVP-pflichtigen
Gewässerausbau, nicht ernst genommen. Das ist dumm, denn spätestens
bei der weiteren Planung wird es zu massiven Einwänden sowohl der unteren
Wasserbehörde als auch der Landschaftsbeiräte kommen.
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Der
forstwirtschaftliche Ausgleich ist unrealistisch geplant. Mittlerweile steht
fest, dass es keinerlei Kontakt zwischen den Planern und dem zuständigen
Forstamt gegeben hat. Alle Angaben über den forstwirtschaftlichen Ausgleich
sind also frei phantasiert. Dennoch hat man einen forstwirtschaftlichen
Ausgleich 1:1 zugrunde gelegt. Dabei ist es durchaus nicht sicher, dass
dieser Ansatz realistisch ist. Tatsächlich wird durch die Planungen
Wald massiv zerstört und nicht nur auf dem Papier umgewandelt. Der
neu anzulegende Spielplatz würde Wald zerstören, die Planungen
des ´Wirtschaftshofes´ und des Wildschweingeheges liegen mitten
in bisher kaum berührten Waldgebieten. Das Wildschweingehege ist mitten
in einen Erlenbruchwald hineingeplant (im Planungsgutachten wird falsch
behauptet, hier läge ein "Buchen-Stangenwald" vor). Die Wildschweine
würden in kurzer Zeit großen Schaden anrichten, den Wald zerstören,
noch dazu in einer Feuchtmulde. Dass es neben dem Einspruch des Forstes
auch einen Einspruch des Naturschutzes geben wird (mögliches Biotop
nach §62!) soll wenigstens am Rande erwähnt werden. Auch die praktische
Abwicklung des Ausgleichs ist auf eine originelle Art und Weise geplant:
Das ganze Projekt soll in vier Schritten realisiert werden, von den insgesamt
224.000 Euro, die für den forstwirtschaftlichen Ausgleich vorgesehen
sind (wenn es denn ausreicht, s.o.!), werden im ersten Schritt aber nur
40.000 ausgegeben, die eigentliche Aufforstung (mit 63.000 Euro ein beachtlicher
Anteil der Gesamtkosten) ist sogar erst in Stufe 4 vorgesehen. Dieses Splitten
ist selbstverständlich auch nicht mit dem Forstamt abgestimmt worden.
Man könne doch mit Behörden immer reden - so die Auskunft der
Planer. Da der forstwirtschaftliche Ausgleich ein ganz zentraler Kostenpunkt
ist, muß die gesamte Kostenkalkulation an dieser Stelle als bodenlose
Spekulation bezeichnet werden. Das Planungsgutachten ist unseriös bei
der Berechnung zentraler Kostenstellen.
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In der gesamten
Planung kommen die Besonderheiten des Bilsteintals nicht vor, statt dessen
soll das Tal komplett überplant und damit zerstört werden. Mitten
in ein Karst-Trockental werden drei Teiche hinein geplant - absurd. Eine
künstliche Höhle aus Beton soll gegenüber der natürlichen
Höhlen gegossen werden. Die zahlreichen Besonderheiten der Natur- und
Kulturlandschaft des Bilsteintals scheinen unbekannt zu sein.
In den letzten Monaten ist ein bisher zu wenig beachteter Aspekt des Bilsteintals
immer stärker ins Bewußtsein der Fachwelt gerückt: Das Bilsteintal
und seine Umgebung sind eine Wiege der Warsteiner Eisenindustrie. Mindestens
seit dem Mittelalter (erste Arbeitshypothese: um 1300) wurden hier Eisenerze
abgebaut (Bereich Winterkuhle, Bolzplatz und - noch heute sehr gut erhalten
- Luchsgehege) und im Tal zu Stahl und Eisen verhüttet und geschmiedet.
Im Bereich des Hauses Victoria (genau in überplanten Bereichen) zeichnen
sich sehr interessante Befunde im Boden ab (Rennofen, Kohlelager, vielleicht
Siedlungsreste)! Eine Zerstörung dieser archäologischen Zeugnisse
wäre unverantwortlich.
Fazit:
Mit dem Planungskonzept Bilsteinzeit wurde eine völlig unzureichende
und letztlich nicht seriöse Planungsgrundlage vorgelegt. Spätestens
bei der Aufstellung des Bebauungsplanes werden die zahlreichen Mängel
offenbar werden, wird sich zeigen, dass diese Planung nicht umsetzbar ist
(worauf der Kämmerer der Stadt Warstein übrigens im zuständigen
Kulturausschuss bereits hingewiesen hat - das wollte man aber nicht hören).
Selbst der Technische Beigeordnete der Stadt Warstein, R. Hoffmann, sieht
- laut Pressebericht - eine "besondere Brisanz", da die Planungen
in bestehende Landschafts- und Naturschutzgebiete [sic!] eingreifen würden.
Bisher hatte man den Mitgliedern von Rat und Ausschuss immer erklärt
- mit Verweis auf R. Hoffmann! - hier seien keinerlei Bedenken der Naturschutzbehörden
zu erwarten.
Ärgerlich ist dabei, dass wieder für lange Zeit nötige und
sinnvolle Schritte im Bilsteintal unterbleiben werden, mit Verweis auf die
angeblich großen Pläne.
Bezeichnend ist, dass selbst Ratsmitglieder, die dem Konzept zugestimmt haben,
mit dem Brustton der Überzeugung sagen "Das kommt sowieso nie!"
Bleibt für das Bilsteintal zu hoffen, dass diese Leute richtig liegen
mit ihrer Aussage, nicht mit ihrem widersinnigen Abstimmungsverhalten...
Stefan Enste, November
2006
